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…Wege, Gabelungen, Pausen und Ziele

Hier finden Sie kurze Berichte von der vierzehnten Ausgabe der documenta in Athen (8. April bis 16. Juli) und Kassel (10. Juni bis zum 17. September): Ausstellungen, Künstler, Kunstliebhaber und die Spannung der Documenta – inmitten der quirligen Millionenstadt Athen und in Kassel.

Impressionen aus Kassel anlässlich der Pressevorstellung der documenta 14

Am 10. Juni wird die documenta 14 in Kassel feierlich eröffnet. Schon jetzt von vielen Seiten gefeiert wurde die “Zwei-Ortigkeit” der 14. documenta. Sie begann im April in Athen und wird nun in Kassel fortgesetzt – “quasi zwei documenten – ein Kraftakt!” Doch habe vielleicht gerade das dazu beigetragen, so Annette Kulenkampff, documenta-Geschäftsführerin, dass die Ausstellung in Kassel noch mehr Aufmerksamkeit gewonnen habe.

Die zur Eröffnung der Ausstellung angereiste griechische Ministerin für Kultur, Lydia Koniordou betonte, “die Gegenwart von Künstlern aus der ganzen Welt, die in Athen zusammen mit griechischen Künstlern gearbeitet haben, hat uns gestärkt!” Griechenland zeige Widerstand und Trotzigkeit gegen Ängste – durch Kultur.

“Mehr denn je brauchen wir die Stimmen der Künstler”, betonte die Politikerin. Denn” sie sehen, was wir nicht sehen;  sie nehmen wahr, was wir in unserem Alltag nicht wahrnehmen”.

100 Tage lang wird die Ausstellung an vielen Orten der Stadt Kassel zu sehen sein. Auch Kunstwerke aus dem EMST, das mit Hilfe der documenta 14 eröffneten Museums für Gegenwartskunst in Athen, werden in Kassel als Teil dieser wichtigsten Ausdehnung des Jahres gezeigt.

© Heike Rudloff, Kassel 2017

Marta Minujín – Der Parthenon der Bücher, 8. Juni

Direkt vor dem Kasseler Fridericianum wird der Parthenon der Bücher aufgebaut, den die argentinische Künstlerin Marta Minujín dem mächtigen Akropolis-Tempel nachempfand und peu à peu während der nächsten 100 Tage mit 40.000 Büchern füllen wird – Bücher, die irgendwann und irgendwo verboten waren: eine erstaunliche, sehr lange Liste von Büchern, die Klassiker wie Goethe, Hermann Hesse und die Lehren von Darwin enthält, aber auch moderne Bücher von Autoren wie Stefan Zweig oder Harry Potter von Marta Minujín. Die Bücher werden der Bevölkerung am Ende der Documenta 14 zurückgegeben – nicht nur symbolischer, sondern realer Akt gegen Zensur. Der Tempel dagegen wird zerstört, dynamisches Markenzeichen der Künstlerin Marta Minujín.

© Heike Rudloff, Kassel 2017

Video-Installation von Bill Viola, “The Raft” (2004)

Die Video-Installation von Bill Viola, “The Raft”, zeigt eine Gruppe von Menschen, die  gebeten wurden, sich freiwillig in einem Studio zu einer Gruppe anderer Personen zu stellen, wo sie nach einem ungewissen Moment des Wartens mit Wasser bespritzt werden sollten.

Als die scharfen Wasserstrahlen sie treffen, wirft es sie zu Boden, sie fallen übereinander und klammern sich verzweifelt aneinander.
Menschen, die eben noch unnahbar nebeneinander standen, liegen sich schluchzend in den Armen.
Schmerzlich und eindringlich zeigt Viola in dem nur wenige Minuten dauernden Video, was eine plötzliche Katastrophe von einer Sekunde auf die andere auslösen kann.

Zu sehen im Fridericianum am Kasseler Friedrichsplatz.

© Heike Rudloff, Kassel 2017

Lichtobjekt aus der Sammlung EMST

Dieses Bild von Stephen Antonakos gehört zur Sammlung des Athener Museums für zeitgenössische Kunst, EMST, in dem die deutsche documenta 14 in Athen ausstellte.  Viele Werke dieses Museums wurden Teil unserer größten Ausstellung für Gegenwartskunst. Ein weiterer Teil soll nach Ende der documenta im Kasseler Fridericianum ausgestellt werden.

© Heike Rudloff, Kassel 2017

Nikos Kessanlis, Kassel 2017

Ein Werk von Nikos Kessanlis, griechischer Künstler, 1930 geboren und bereits 2004 in Thessaloniki verstorben, der zeitweise in Paris lebte und auch dort ausgestellt wurde. Er arbeitete in seine Werke schon Anfang der sechziger Jahre “überflüssig gewordene Objekte”, zerrissene Kleidungsstücke, Papier und Ähnliches ein; zeichnete Kernelemente der Konsumgesellschaft nach.

© Heike Rudloff, Kassel 2017

Brennt’s…? 8. Juni

Als die documenta 14 im April in Athen eröffnet würde, zündete der Künstler Dieter Knorr parallel in Kassel ein weiß qualmendes Feuer auf dem Zwehrenturm an, gleich hinten am Fridericianum: Zeichen der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit der Städte Athen und Kassel ab diesem Moment.
Ab diesem Tag gab es in Kassel allerdings auch bis zu 87 Anrufe täglich bei der Feuerwehr –  aufgeregte Bürger, die von dieser Aktion nichts ahnten…
Zwei, drei Male rückte die Feuerwehr tatsächlich aus, so erzählen sich die Kasselaner. Danach rief auch die Feuerwehr erst mal im Fridericianum an: “Brennt’s – oder ist es das Kunstwerk?”

© Heike Rudloff, Kassel 2017

Impressionen von der Documenta in Athen anlässlich der Pressevorstellung 6. April 2017

 

Am Samstag, den 8. April, startet die diesjährige Documenta in Athen; im Juni folgt die Eröffnung der Documenta in Kassel. Die eigentlich deutsche Ausstellung widmet sich dem Motto “Lernen von Athen” und bietet Besuchern reichlich Möglichkeiten Denkanstöße und Inspirationen mit nach Hause zu nehmen.

In der Pressevorschau am Donnerstag (6. April) stellten Künstler und Ausstellungsmacher ihre Projekte, Ideen und Grund Überlegungen vor.

Ausstellungsleiter Adam Szymczyk hat sich viel vorgenommen: nicht nur die Idee und ´Verteilung` dieser großen deutschen Ausstellung auf zwei europäische Städte, nämlich Kassel und Athen: Er möchte die Documenta auch wegbewegen vom üblichen Gebaren der Kunstwelt und deren konsumorientierter Konzentration auf Sehen und Sichtbares. Sein starker Schwerpunkt liegt stattdessen auf Stimmen und Hören – bis hin zur Stimme der Stille. Zahlreiche Performances in ganz Athen bieten dazu Gelegenheit: Besucher werden sich mit Kunst und ihren Botschaften durch Schauspiel, Theater und Tanz auseinandersetzen können, bis hin zur Wahrnehmung der Kunst des Kochens und Speisen-Genießens.

Im brandneuen Museum EMST, dem Athener Museum für zeitgeschichtliche Kunst, gibt es dennoch viel zu sehen: Viele der über 300 eingeladenen Künstler stellen dort aus, unter anderem Künstler_innen wie Cecilia Vicuna, auch als Dichterin bekannt – mit einer saalhohen Installation aus taudicken roten Wollsträngen, der albanische Maler Edi Hila mit zarten Landschaftsbildern in Pastellfarben und George Lappas mit fellüberzogenen Skulpturen.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Yael Davids – In Form gegossene Gefühle, 8. April

 

“….One does not know how everything is. I only know that life goes hand in hand with death. And wanting to think logically is just so illogical. ….”

Yael Davids, israelische Künstlerin, formte Texte von Else Lasker-Schüler aus dem Jahr 1939 zu Skulpturen:

In Form gegossene Gefühle.

Die Verzweiflung und innere Leere der deutschen Dichterin Else Lasker-Schüler, die nach der Flucht nach Palästina ihren Sohn betrauert, der auf einem Berliner Friedhof blieb, wie sie schrieb.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Maria Lai – Lenzuolo, 1989

 

Eines der Bilder der verstorbenen italienischen Künstlerin, deren Arbeiten oft durch den Faden einer Geschichte, Verbindungen und zarte Linien, aber auch Knoten, wie sie im Leben auftreten, geprägt waren.

Dieses Bild der Künstlerin zeigt die documenta 14 – ebenso wie die Skulpturen der Künstlerin Yael Davids – im EMST, im Athener Museum für Zeitgeschichte.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Daniel Knorr – Materialization

 

„Materialization“ von Daniel Knorr, dem deutschen Künstler, der nicht nur weiße Rauchzeichen der Kunst über Kassel aufsteigen lässt, sondern auch einen Müllberg im Athener Konservatorium zu Kultur verwandelt: Jeder Besucher darf sich ein geeignetes Stück Müll aus dem Müllberg aussuchen und sie in ein Buch pressen lassen. Mit dem Obulus für dieses Buch finanziert Daniel Knorr die Rauchzeichen in Kassel.

Hier im Bild die deutsche Staats-Kultur- und Medienministerin Monika Grütters, heute auf der Documenta, die sich von einem der Künstler, die Knorr unterstützen, solch ein Buch pressen lässt.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Prinz Gholam, 7. April 2017

 

Documenta-Performance auf der Athener Agora, dem antiken Versammlungsplatz – heute ein Park – unter Mandelbäumen und Oliven, zwischen antiken Säulen und schlafenden Hunden:

Zum Konzept des Künstlerpaars von Prinz Gholam gehört, sich in Figuren hineinsinken zu lassen, die sie etwa von Gemälden von Eugène Delacroix entlehnen. So hier auf der Agora zwischen gefallenen antiken Säulen und Tempelresten. Das zufällig vorbeischlendernde Publikum nimmt sie zur Kenntnis – beobachtend, überrascht, fragend, irritiert, manche bleiben stehen und setzen sich dazu, andere beschleunigen erst recht.

Kunst und Publikum stehen hier in unmittelbarer Aktion, Re-Aktion; das Publikum reagiert. Was löst in uns Reaktion aus? Was passiert mit uns? Was läßt uns innehalten, was läßt uns weitergehen?

Von Athen lernen… hier von Prinz Gholam.

© Heike Rudloff, Athen 2017

„Shamiyaana – Food for Thought“  Künstlerprojekt Rasheed Araeen, 7. April

 

Essen hält Leib und Seele zusammen, zusammen essen verbindet, Essen gibt Kraft – all dies und viel mehr steckt hinter dem Documenta-Projekt des Künstlers Rasheed Araeen.

Der in Pakistan geborene Künstler ist bekannt für sein politisches und kulturelles Engagement, gern auch beides  zusammen, dazu für seine kritischen Texte – aber auch für seine Skulpturen.

Während der Documenta in Athen engagiert er sich für Menschen und bringt sie zum Essen zusammen: Zu diesem Zweck ließ der Künstler ein grosses, buntes Zelt auf den Athener Kotzia-Platz setzen, in das täglich zweimal je circa 60 Menschen eingeladen werden, sich zu einem mediterranen Essen niederzulassen, zu speisen und sich mit den anderen Menschen an den kleinen Tischen zu unterhalten. Wer gerade vorbeikommt, wenn das Essen fertig ist, ist eingeladen.

Das Konzept hat sich schon nach den ersten Erprobungstagen bewährt, so die Künstlerin Marilena Aligizaki, die das Projekt vor Ort für den inzwischen mehr als 90-jährigen Rasheed Araeen leitet.

Zur Idee dahinter gehört, so sagte sie, dass Menschen – gerade auch Künstler – sich nicht separieren, so wie sich manche Künstler gern im Atelier verstecken. Gerade Essen, auch als Kunst des Genießens verstanden, verbinde mit der Gemeinschaft.

Eingeladen ist jeder, ob arm oder reich, alle sind gleich und sind die Töpfe leer, gibt’s nichts mehr… doch bis Ende der Documenta in Athen wird weiter aufgetischt und jeder Vorbeikommende ist eingeladen sich an Leib und Seele zu stärken.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Auf dem Rücken der Pferde von der Documenta in Athen zur Documenta in Kassel

 

Auf dem Rücken eines Pferdes von der Documenta in Athen zur Documenta in Kassel reiten: Drei Reiter und eine Reiterin mit ihren Pferden starteten am Sonntag des Eröffnungs- Wochenendes am Berg der Akropolis zu dieser knapp 3000 Kilometer langen  Reise.

Dem versammelten Publikum erzählte  Ausstellungsleiter Adam Scymczyk lächelnd, dass zu den ersten Dingen, die er für die Documenta 14 gekauft habe, überraschenderweise diese Pferde gehört hätten. Einer der Reiter ergänzte, wie erstaunlich schwierig es wahrscheinlich sein werde – trotz EU-Zeitalter – mit den Pferden die Landesgrenzen überschreiten zu dürfen.

Den versammelten Athenern und vielen Deutschen, die sich zum Start des Rittes auf der marmorgepflasteren antiken Prachtstrasse Dyonisiou Areopagitou unterhalb der Akropolis-Tempelanlage   versammelt hatten, gefiel das prachtvolle Bild der Reiter vor den 2500 Jahre Jahren alten Tempeln und dem strahlend blauen Himmel jedenfalls bestens. In etwa 100 Tage möchten die Reiter in Kassel ankommen.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Offiziellen Eröffnung der Documenta 14 in Athen, 8. April 2017

 

Zur offiziellen Eröffnung der Documenta für das große Publikum am 8. April fand in Athen ein Konzert des Athener Staatsorchesters und des syrischen Expat Philharmonic Orchestra at Megaron statt: die “Symphony of sorrowful Songs” aus der 3. Symphonie von Henryk Górecki,  1976 entstanden, bearbeitet nach einem Konzept von Ross Birrell und Ali Moraly, unter Leitung von Daniel Raiskin.

Mit den Erlösen des Konzerts im fast voll besetzten, riesigen Konzertsaal Megaron werden Flüchtlingskinder und Ärzte, die ihnen helfen (MSF), unterstützt.

Dass das Konzert gerade in Griechenland uraufgeführt wird, sei wichtig, erklärten die Veranstalter, denn Griechenland sei wie kein anderes Land unmittelbarer Zeuge der Flüchtlungskrise geworden und bot umfassende humanitäre Hilfe, obwohl es zugleich die Krise im eigenen Land zu bewältigen hatte – mit all seinem finanziellen Druck und Zwängen.

Die leise, getragene und sehr gefühlvolle Aufführung quittierte das Publikum mit teils stehenden Ovationen.

Die Documenta wird in Athen bis zum 17. Juli zu sehen sein; ab 10. Juni öffnen die Tore der Ausstellung in Kassel.

© Heike Rudloff, Athen 2017

Überraschung in Kassel

7. März 2017 – erste Pressekonferenz zur documenta 14

 

Die documenta 14, die am 8. April in Athen startet, wird mit dem Athener National Museums of Contemporary Art (EMST) zusammenarbeiten: das EMST wird als Gastgeber die documenta beherbergen, die hauptsächlich in den Ausstellungsräumen dieses Museums ausstellen wird – umgekehrt wird die documenta in Kassel Gastgeber des EMST sein und Teile der Sammlung dieses Museums im Rahmen der documenta in Kassel ausstellen. So hiess es auf einer ersten Pressekonferenz zur documenta dieses Jahres in Kassel.

Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14 erklärte dies zusammen mit der Leiterin des Athener Museums, Katerina Koskina.

Bisher war nicht bekannt, wo die documenta 14 in Athen stattfinden wird und was sie ausstellen wird.
“Lernen von Athen”, das Motto der diesjährigen Documenta, bekommt damit unerwartete Konturen.

Gastgeberin der documenta zu sein sei zur Gewohnheit geworden – in Athen als documenta zu Gast zu sein daher ein wichtiger Teil der diesjährigen Ausstellung, so erklärten die documenta- Veranstalter.
Das National Museum of Contemporary Art, Athens (EMST) sammelt seit seiner Gründung im Jahr 2000 Werke griechischer und internationaler Kunst aus den 60ern bis zur Gegenwart.

Die Athener EMST-Sammlung sei mehrfach in Athen umgezogen und führte ein „nomadisches Dasein“ in Griechenland, bevor sie einen ständigen Platz in der Stadt Athen gefunden habe. Dennoch sei es dem EMST gelungen, Kooperationen aufzubauen und die Sammlung im Dialog mit anderen Museen und Sammlungen zu zeigen. Das nomadische Dasein des EMST habe zu einem lebhaften Programm geführt. Was die Macher der größten deutschen Kunstausstellung – die finanziell stabil mit öffentlichen Geldern abgesichert sei – zu der Frage führte, was ein zeitgenössisches Museum heute bedeutet und was die documenta für die Öffentlichkeit geworden sei; nicht nur auf künstlerischer, sondern auch auf finanzieller und politischer Ebene.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehe damit auch die Frage: wie werden Kunst und ihre Institutionen öffentlich und zu einem Teil des Gemeinwohls? Das Ziel der Zusammenarbeit, so die Chefin des griechischen EMST: Dialog.

Von Athen zu lernen als Teil der diesjährigen documenta und wichtiger Prozess dieser Kunstausstellung – der mit Eröffnung der documenta am 8. April in Athen erst richtig beginnt.

                                                                              © Heike Rudloff, 2017